Tschüss Klimaneutralität

Klimaneutralität ist ein Begriff, dem man nur noch schwer entkommt. Er begleitet uns im Alltag, steht auf Produkten und ist zum Hauptziel der Bundesregierung erklärt worden. Wenn ein so bedeutungsschwerer Begriff die Runde macht, ist es sinnvoll mal hinter die Kulissen zu blicken und sich die Frage zu stellen: Ist wirklich alles so, wie es klingt?

Tatsächlich entstand in der letzten Zeit immer mehr Kritik an dem Begriff. Bereits im vergangenen Jahr haben wir in unserem Blog-Beitrag „Was ist dran an der Klimaneutralität-Kritik“ die wichtigsten Kritikpunkte beleuchtet und auch erklärt, was mit Klimaneutralität eigentlich gemeint ist. Schauen Sie dort gerne vorbei für einen tieferen Einstieg ins Thema.

Gut eineinhalb Jahre sind seit diesem Blog-Beitrag vergangen und die Klimaneutralitäts-Kritik wurde immer lauter und deutlicher. Mittlerweile wenden sich einige Akteur:innen von der Verwendung des Begriffes ab. Beispielsweise hat im März dieses Jahres (2023) ClimatePartner, einer der größten Klima-Zertifizierer in Deutschland, verkündet auf die Bezeichnung „klimaneutral“ zu verzichten1.

Auch wir haben uns im Laufe der Zeit immer wieder informiert, Studien gelesen und sachlich diskutiert. Nun haben uns die kürzlichen Entwicklungen dazu angestoßen wieder intensiv über das Thema nachzudenken. Das Ergebnis ist, dass wir uns nun auch ganz bewusst dafür entschieden haben, Klimaneutralität aus unserer Kommunikation zu streichen.

Wie es zu dieser Entscheidung kam

Was bisher geschah

Die Kritik ist prinzipiell noch dieselbe wie wir sie in unserem letzten Artikel zum Thema aufgezeigt haben. Manche Punkte sind nun allerdings deutlicher und konkreter geworden. Lasst uns aber erstmal noch einmal zusammenfassen, worum es bei der grundsätzlichen Kritik überhaupt geht.

Um Klimaneutralität zu erreichen, gehen viele Unternehmen einen seit Jahren etablierten Weg. Dieser beginnt mit dem Erstellen einer Treibhausgasbilanz (auch: CO2-Bilanz). Das ist die Aufstellung aller Treibhausgase, die in einem Unternehmen in den verschiedenen Bereichen anfallen: von der Produktion, über den Fuhrpark bis hin zu dem Arbeitsweg der Mitarbeitenden. Aus dem Ergebnis werden Maßnahmen abgleitet, um Treibhausgase einzusparen. Doch das geht nicht mit allen Emissionen, manche lassen sich einfach nicht vermeiden. Diese werden dann kompensiert über sogenanntes „Offsetting“. Das heißt: Das Unternehmen kauft Zertifikate bei Klimaschutzprojekten ein, die im Gegenzug dafür sorgen, dass eine entsprechende Menge CO2 nicht in die Atmosphäre gelangt. Das kann z.B. durch Waldaufforstung, den Ausbau erneuerbarer Energien oder Moorwiedervernässung passieren. Klingt erstmal nach einem guten Plan und ist es auch – theoretisch.

Fokus auf Kompensation statt Reduktion

Leider hat sich in der Praxis gezeigt, dass der Fokus oft auf diesem letzten Schritt der Kompensation liegt und nicht auf der Entwicklung sinnvoller, und vor allem wichtiger, Reduktionsmaßnahmen. Klar, letzteres ist auch erst einmal mit mehr Aufwand verbunden. Hingegen ist es vergleichsweise einfach einem Klimaschutzprojekt Geld zu überweisen und im  Gegenzug ein Zertifikat zu erhalten, welches das eigene Unternehmen bzw. die eigenen Geschäftstätigkeiten als „klimaneutral“ bezeichnet. Dies soll kein Rundumschlag gegen Klimaschutzprojekte und Kompensationsmaßnahmen sein, sondern es soll vielmehr den vorprogrammierten Energiesparmodus darstellen, dem wir Menschen unterliegen. Wenn es auch einfach geht, ist die Bereitschaft den komplizierten, aufwendigeren, energieintensiveren Weg zu wählen eher gering.

Doch klar ist auch, dass es oberste Priorität sein sollte, CO2 einzusparen bzw. so weit wie möglich zu reduzieren. Der Klimawandel lässt sich nämlich am besten abschwächen, indem wir dafür sorgen, dass viel weniger Treibhausgase in die Atmosphäre gelangen. Werden Zertifikate von Klimaschutzprojekten gekauft, werden zwar an dem Projektort Treibhausgase eingespart, an anderer Stelle (z.B. der Produktionsstätte des Unternehmens) werden aber nach wie vor welche ausgestoßen, die in die Atmosphäre gelangen und dort den Klimawandel vorantreiben.

Einheitlich uneinheitlich

Wenn man sich die CO2-Preise anschaut, die pro Tonne bei den unterschiedlichen Projekten gezahlt werden müssen, fällt einem eine große Bandbreite auf. Das ist das Symptom einer weiteren Problematik: es gibt keine einheitlichen, länderübergreifenden und verpflichtenden Regeln zu diesem ganzen Vorgehen. Weder zur Berechnung von realistischen CO2-Preisen noch zur Verwendung des Begriffes „klimaneutral“. Das macht es schwierig zwischen bedeutungsvollen Beiträgen zum Klimaschutz und reinem Greenwashing zu unterscheiden.

Doppelt hält nicht immer besser

Last but not least bleibt noch das große Problem der doppelten Anrechnung. Die meisten Klimaschutzprojekte, die zur Kompensation genutzt werden, sind in Ländern des globalen Südens angesiedelt. Nun ist es so, dass die Emissionsminderungen, die durch die Projektarbeit passieren, zweimal angerechnet werden können: einmal von dem Land, in dem das Projekt durchgeführt wird und das zweite Mal von dem Unternehmen, die Geld für Zertifikate dieses Projekts ausgegeben haben. Somit ist auf dem Papier viel mehr CO2 eingespart worden, als tatsächlich daran gehindert wurde in der Atmosphäre zu landen.

Aktuelle Entwicklungen

Klimastrategien durchleuchtet: Klimaneutralitäts-Versprechen kommen nicht gut weg

Der „Corporate Climate Responsibility Monitor” (CSRM)2 bewertet die Klimastrategien von 24 großen, multinationalen Unternehmen. In ihrem aktuellen Bericht, der 2023 erschienen ist, wurden auch Klimaneutralitäts-Versprechen dieser Unternehmen unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: Mindestens 11 der 24 untersuchten Unternehmen haben 2022 verkündet klimaneutral zu sein, aber Transparenz und Integrität dieser Versprechen ist in allen Fällen sehr niedrig. Diese vernichtende Bilanz kommt zustande durch eine Reihe von irreführenden Vorgehensweisen, beispielsweise:

  • Klimaneutralitäts-Versprechen decken oft nur einen Teil der Emissionen ab, die in den Unternehmen anfallen. Bei den 24 vom CSRM untersuchten Unternehmen sind es durchschnittlich 3 % (!) der Emissionen, die von den Versprechen abgedeckt werden. Und dennoch werben diese Unternehmen damit, dass ihr Unternehmen oder ihre Dienstleistung klimaneutral ist.
  • Viele Unternehmen verlassen sich auf Klimaschutzprojekte, die keine Permanenz garantieren können, d.h. dass das CO2 auch wirklich dauerhaft nicht in die Atmosphäre gelangt. Ein gutes Beispiel dafür sind Baumpflanz-Projekte: Bäume binden zwar, gerade in der Wachstumsphase, viel und schnell CO2, doch eben nicht dauerhaft. Keiner weiß, was mit den gepflanzten Bäumen in Zukunft passiert, vielleicht werden sie gefällt, es gibt einen Waldbrand, oder, oder, oder. Dann ist das ganze CO2 wieder freigesetzt, gelangt in die Atmosphäre und alles war für die Katz.
  • „Insetting“ ist eine häufig genutzte Vorgehensweise, die ähnlich wie Offsetting zur Kompensation nicht vermeidbarer Emissionen genutzt wird. Diesmal sind die Projekte allerdings innerhalb der Wertschöpfungskette des Unternehmens angesiedelt. Das Problem daran: Das verführt dazu, die Vorteile dieses Projektes zweimal zu nutzen. Einmal als Reduktionsmaßnahme an der entsprechenden Stelle in der Treibhausgasbilanz, einmal als Kompensationsmaßnahme für alle anderen im Unternehmen anfallenden Emissionen.
Erste Klagen eingeleitet

15 Verfahren hat die Deutsche Umwelthilfe3 gegen Unternehmen eingeleitet, die mit Klimaneutralität werben. Irreführende Werbung und Verbrauchertäuschung sind die Argumente, mit denen Unternehmen zu Unterlassungserklärungen motiviert werden. Darunter sind bisher z.B. Rossmann und dm, aber auch Shell und TotalEnergies. Anfang des Jahres wurden außerdem Verfahren gegen HelloFresh, Eurowings, Faber-Castell, Netto, Danone und den 1. FC Köln eingereicht. Auch international ist einiges los, so wurden 2022 beispielsweise rechtliche Schritte gegen KLM in den Niederlanden4 eingeleitet und gegen einen Schmiermittelhersteller in Südkorea5.

Der Fall Verra

Anfang des Jahres brachten die beiden Zeitungen The Guardian und Die Zeit zusammen mit einer britischen investigativen Plattform einen Bericht6 über einen der größten Zertifizierer (Verra) und deren weltweit genutztes Gütesiegel „Verified Carbon Standard“ heraus. Über mehrere Monate recherchierten die Journalist:innen zu dessen Methoden und Waldschutzprojekten mit dem Ergebnis, dass nur wenige der Projekte tatsächlich dazu beitrugen, Abholzung zu verringern. Außerdem wurden viele Projekte überbewertet, das heißt mehr Zertifikate ausgestellt als tatsächlich CO2 eingespart wurde. Das liegt an dem Bewertungsverfahren von Verra: Projektbetreiber müssen abschätzen, wieviel Wald abgeholzt werden würde, sollte er nicht geschützt werden. Je mehr theoretisch in Zukunft abgeholzt werden würde, desto mehr Klimazertifikate können ausgestellt werden. Das Verfahren lässt viel Spielraum und insgesamt wurden so Zertifikate für insgesamt 89 Millionen Tonnen CO2 zu viel ausgestellt.

Diese Entwicklungen deuten alle auf einen Weg hin, der von Klimaneutralitäts-Versprechen im Allgemeinen und Offsetting im Besonderen wegführt – Aber wohin führt der Weg?

Ein Ansatz, der weg von Klimaneutralität-Versprechen führt, ist das „climate contribution model“ (Klimabeitrags-Modell). Der Klimabeitrag bezeichnet hier die finanziellen Mittel, die ein Unternehmen bereitstellt, um Klimaschutzmaßnahmen zu unterstützen. Und das außerhalb der eigenen Wertschöpfungskette und ohne Neutralisierungs- und Kompensationsversprechungen. Es handelt sich also nicht um eine Alternative zur Reduzierung des eigenen CO2-Fußabdrucks, sondern um eine Ergänzung.7

Übernommen wurde dieser Ansatz sogar von den Vereinten Nationen: bei der letzten Weltklimakonferenz wurden entsprechende Vorgaben ins Regelwerk des Pariser Abkommens (wir erinnern uns, das war 2015, als sich alle Nationen auf das 1,5 Grad-Ziel geeinigt haben) übernommen.

Das Signal an Unternehmen ist klar: Hände weg von Offsetting. Konzentration auf Reduktion. Leistet einen Beitrag zum Klimaschutz.

Ein paar abschließende Worte

Worte haben Macht. Der Begriff der Klimaneutralität, wie er heutzutage teilweise verwendet wird, sagt uns: dieses Produkt oder Dienstleistung tut unserem Klima keinen Schaden an. Diese Behauptung ist zum einen, wie wir gesehen haben, schwer nachvollzieh- und beweisbar, zum anderen stimmt es auch in den seltensten Fällen. In der Herstellung von Produkten oder Bereitstellung von Dienstleistungen werden immer Treibhausgase freigesetzt werden, die in die Atmosphäre gelangen und dort zum Klimawandel beitragen. Deshalb kann kein Produkt wirklich klimaneutral sein und dessen müssen wir uns bewusst sein. Dieses Bewusstsein möchten wir weitertragen, weshalb wir in unserer Kommunikation diesbezüglich klarer werden und den Begriff nicht mehr nutzen.

Wir möchten uns in der Arbeit mit unseren Kund:innen darauf konzentrieren, was wir tun können: Treibhausgase so weit wie möglich vermeiden bzw. reduzieren und Projekte unterstützen, die einen sinnvollen Beitrag dazu leisten, die Welt zu einem besseren, nachhaltigeren Ort zu machen. Dabei kann man sich zum Beispiel die Sustainable Development Goals der UN zur Hilfe nehmen und Projekte wählen, die mehrere dieser Ziele anpacken.

Bildquelle: Pixabay von geralt

Quellen:

1 Climate Partner (2023): Warum haben wir die Lösung ClimatePartner-zertifiziert eingeführt?, unter: https://www.climatepartner.com/de/wissen/insights/warum-haben-wir-die-loesung-climatepartner-zertifiziert-eingefuehrt [Stand: 19.12.2023]

2 New Climate Institute (2023): Corporate Climate Responsibility Monitor, unter: https://newclimate.org/sites/default/files/2023-04/NewClimate_CorporateClimateResponsibilityMonitor2023_Feb23.pdf [Stand: 19.12.2023]

3 Presseportal (2023): Klagen der Deutscher Umwelthilfe wegen falscher Werbeversprechen zu Klimaneutralität wirken: Immer mehr Unternehmen stoppen irreführende Werbung, unter: https://www.presseportal.de/pm/22521/5427176  [Stand: 19.12.2023]

4 Client Earth (2023): Landmark greenwashing lawsuit against KLM airline granted court permission, unter: https://www.clientearth.org/latest/press-office/press/landmark-greenwashing-lawsuit-against-klm-airline-granted-court-permission/ [Stand: 19.12.2023]

5 Bloomberg (2022): Korean Oil Firm Faces Greenwashing Claims Over Carbon-Offset Ads, unter: https://www.bloomberg.com/news/articles/2022-10-27/korean-oil-firm-faces-greenwashing-claims-over-carbon-offset-ads [Stand: 19.12.2023]

6 Klimareporter (2023): Der große Schwindel mit den CO₂-Zertifikaten, unter: https://www.klimareporter.de/international/der-grosse-schwindel-mit-den-co2-zertifikaten [Stand: 19.12.2023]

7 Wuppertal Institut (2023): Contribution Claim as an Alternative Approach to Carbon Offsetting, unter: https://wupperinst.org/en/p/wi/p/s/pd/2130 [Stand: 19.12.2023]

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