Hinweis: Neben CO2 sprechen wir im folgenden Text von CO2e und von Treibhausgasen – gemeint ist das gleiche. CO2e steht für CO2-Äquivalente: Neben CO2 sind weitere Treibhausgase für die Erderwärmung verantwortlich, vor allem Methan (CH4) und Lachgas (N2O). Diese Gase besitzen ein weitaus schädlicheres Treibhausgaspotential (GWP) als CO2, d.h. die gleiche Menge an Gas wirkt viel stärker. Um die Treibhausgaswirksamkeit dieser Gase zu bestimmen und zu vergleichen, werden sie auf CO2 umgerechnet. Dies wird anschließend in CO2-Äquivalenten ausgedrückt (CO2e).

Immer wieder werden kritische Stimmen laut, wenn es um die Themen Treibhausgase, CO2e-Bilanzen und Klimaneutralität geht. Insbesondere der Begriff „klimaneutral“ sorgt mancherorts für Unmut. Manchmal wird dabei auch von Treibhausgasneutralität gesprochen. Was genau ist das?

Klimaneutralität gleich Treibhausgasneutralität?

Mit dem Begriff der Treibhausgasneutralität oder auch „Netto-Null-Emissionen“ wird der Zustand bezeichnet, wenn die Summe an klimarelevanten Gasen in der Atmosphäre nicht mehr ansteigt. Das Kyoto-Protokoll nennt dabei sechs Treibhausgase: sowohl Kohlendioxid (CO2) als auch Methan (CH4), Lachgas (N2O) und auch eine Reihe von fluorierenden Treibhausgasen, den sog. F-Gasen . Bei Treibhausgasneutralität herrscht somit ein Gleichgewicht zwischen dem Ausstoß und der Aufnahme jener Gase aus der Atmosphäre . Dieses besagte Gleichgewicht, kann auf verschiedene Arten erreicht werden: durch einen Stopp der Verbrennung von fossilen Stoffen, wie u.a. Kohle und Gas oder indem man die Massentierhaltung einschränkt. Zusätzlich können Moore wieder vernässt und Wälder aufgeforstet werden – diese Maßnahmen binden CO2 und entziehen das Gas somit der Atmosphäre. Welche Gase durch welche Maßnahme eingespart werden spielt letztendlich keine Rolle. Wichtig ist, dass der Gehalt der Treibhausgase in der Atmosphäre in Summe nicht ansteigt.

Hier findet ihr weitere Informationen vom Umweltbundesamt zum Thema Treibhausgase
Klimaneutralität wiederum, ist ein weit verbreiteter und ein im öffentlichen sowie im privaten Sprachgebrauch gern genutzter Begriff, um eben jenes Gleichgewicht zu bezeichnen. Strenggenommen jedoch würde eine tatsächliche Klimaneutralität bedeuten, dass nicht nur ein Gleichgewicht zwischen Ausstoß und Speicherung / Aufnahme von Treibhausgasen bestehen müsste, sondern zusätzlich müssten sämtliche Effekte menschlichen Handelns auf das Klima ebenfalls in ein Gleichgewicht gebracht werden. Effekte wie die Versauerung der Ozeane, der Rückgang von Eisschildern und somit von Reflektionsfähigkeit, der Verlust von Biodiversität und Grundwasser uvm.

Treibhausgase waren immer schon da

Treibhausgase kommen ganz natürlich in unserer Atmosphäre vor. Dort sind sie für einen stabilen Energiehaushalt der Erde zuständig, schützen uns vor schädlichen Strahlungen und sorgen dafür, dass die Temperatur auf unserer Erde angenehm warm ist. Das schaffen sie, indem sie die Wärmestrahlung der Sonne in der Atmosphäre zurückhalten, sodass diese nicht wieder komplett im Weltall verschwinden.

Treibhausgase entstehen jedoch auch vermehrt durch menschliches Zutun. Vor allem in der Landwirtschaft in der Industrie und im Verkehr werden viele Treibhausgase ausgestoßen. Doch auch Privatpersonen sorgen durch ihre (noch) hohen Stromverbräuche, durch ineffizientes Heizen, durch ihren Fleischkonsum und Flugreisen für einen Anstieg der Treibhausgase . Und mit einem Anstieg der Treibhausgase wird immer mehr Wärmestrahlung in unserer Atmosphäre zurückgehalten, was für einen Anstieg der globalen Temperatur führt.

So funktioniert die freiwillige Kompensation

Nun gibt es immer mehr Möglichkeiten für Privatpersonen, aber auch für Unternehmen, die durch sie produzierten Treibhausgase auszugleichen. Egal ob der Flug nach Mallorca oder die Autofahrt zu Oma ins Sauerland: die Idee dahinter ist, dass Privatpersonen und Unternehmen CO2-Zertifikate von Klimaschutzprojekten kaufen und sich oder ihre Aktivitäten somit treibhausgasneutral stellen. Diese Projekte fördern z.B. den Ausbau der Erneuerbaren Energien – Solarstrom, Wind- und Hydrokraft – oder sie sind aktiv im Bereich von Waldaufforstungen oder Moorwiedervernässungen .

Im Prinzip gilt: Da es nicht entscheidend ist, wo Treibhausgase ausgestoßen werden (am Ende landen ja alle in unserer Atmosphäre und diese ist bekanntlich erdumspannend), ist es auch nicht entscheidend, wo sie wieder eingespart werden. Somit kann Wojciech aus Wuppertal die auf seiner Flugreise von Dortmund nach Tel Aviv entstandenen 1.6 Tonnen CO2e durch den Kauf von 1,6 CO2-Zertifikaten über ein Klimaschutzprojekt kompensieren, das ein Mini-Wasserkraftwerk auf Sri Lanka baut, wodurch grüne Energie gewonnen wird.

Was soll daran nun schlecht sein?

Es gibt viele Gründe das vorherrschende – und zum Teil sehr kapitalistische – System der CO2-Kompensationen in Frage zu stellen. Nicht selten wird dabei auch von Ablasshandel gesprochen.

Dabei stehen immer wieder einige Kritikpunkte im Fokus:

1. Wer kompensiert vermeidet nicht

Tatsächlich besteht die Gefahr, dass Unternehmen und Privatpersonen ihre Tonnen CO2e einfach kompensieren und ansonsten aber keine weiteren Anstrengungen unternehmen ihr Verhalten klimafreundlicher zu gestalten. Was das vereinfachte System der CO2-Kompensation suggeriert (drastisch ausgedrückt): Mach ruhig weiter so mit deinem Verhalten, solange du genügend Geld hast, um dich freizukaufen. Das das natürlich nicht der Weg ist, um von unserem Klimakatastrophenkurs abzukommen sollte klar sein. Dennoch wird das Folgende oftmals nicht deutlich genug kommuniziert:

REDUZIEREN IST COOL – VERMEIDEN IST COOLER

Kompensieren ist am uncoolsten

Deshalb fragt euch immer zuerst:

  1. Kann ich nicht auch CO2e vermeiden und lieber mein Rad aus dem Keller holen?
  2. Wie bereit bin ich, um von meinem Status Quo abzuweichen und weniger CO2e zu verursachen (z.B. weniger Fleisch essen).
  3. Was hindert mich daran und sollten zukünftige Generationen wirklich unter meinen jetzt ausgelebten Privilegien leiden?

Seriöse Unternehmen – wir können euch da eines empfehlen – weisen Kund:innen immer zuerst auf Möglichkeiten der Vermeidung und Reduktion hin.

Ein weiterer essenzieller Punkt beim Thema Kompensation vs. Vermeiden ist der folgende:
Auch wenn Wojciech seine beim Flug emittierten Tonnen CO2e über Klimaschutzprojekte kompensieren lässt, haben wir eine verschobene zeitliche Komponente. Und diese wird zu einem Problem. Wojciechs Treibhausgase schweben schon jetzt in unserer Atmosphäre rum; das von ihm unterstützte Hydroprojekt geht vielleicht erst in 2-3 Jahren ans Netz. Bis zu diesem Zeitpunkt sind seine Emissionen faktisch nicht ausgeglichen. Wir kommen somit den Kipppunkten unseres Planeten immer näher (siehe Blogartikel zu den planetaren Grenzen). Es kommt schon jetzt auf jedes Kilogramm CO2e an, das wir in die Atmosphäre entlassen. Eine Kompensation suggeriert somit, dass wir die Kompensation schon jetzt ausgeglichen haben, obwohl das vielleicht erst in einigen Jahren der Fall ist. Was wir vermeiden kommt gar nicht erst in unsere Atmosphäre und kann auf diese Weise die Erderwärmung verstärken.

2. Wer kompensiert wäscht grün

Es wäre falsch, alle die kompensieren unter Generalverdacht zu stellen. Natürlich gibt es sicherlich Unternehmen und Privatpersonen, die den grünen Anstrich mögen und sich ansonsten relativ wenig um das Klima scheren. Schwarze Schafe gibt es aber überall. Clevere Unternehmensführungen wissen nämlich, dass ein grüner Anstrich früher oder später entlarvt wird und das Verhalten öffentlich zerrissen wird. Das ist wesentlich schädlicher fürs Image. Und sie wissen auch, dass sie sich schon jetzt Gedanken über die Zukunft machen müssen und sich keiner Illusion hingeben dürfen, dass Kompensation schon alles regeln wird. Denn neue Verordnungen und Gesetze kommen bestimmt.

3. Woher kommen die Preisunterschiede bei den Tonnen CO2?

Eine Tonne CO2 verursacht nach Angaben des Umweltbundesamtes Schäden in Höhe von etwa 180 €. Auf Webseiten, über die man seine Tonnen CO2 kompensieren kann, ist jedoch oftmals von wesentlich geringeren Preisen die Reden – von 2 € bis 200 € ist oft alles dabei. Dieser Unterschied kommt daher, da es sich bei den Kosten des Umweltbundesamtes um sog. Schadenskosten (Adaption) handelt, d.h. um wirtschaftliche Kosten, die entstehen, wenn z.B. Ökosysteme zerstört werden, Ernteverluste auftreten oder Schäden an Infrastruktur entstehen . Bei den anderen Kosten handelt es sich um sog. Vermeidungskosten (Mitigation). Wie hoch ist der Preis für eine Arbeitsstunde, Materialkosten usw., um z.B. unser Hydroprojekt in Sri Lanka voranzubringen? Dabei gibt es Projekte, die an der Grenze der Wirtschaftlichkeit agieren und somit sehr geringe Kosten pro Tonne CO2 haben, andere – insbesondere jene in Deutschland – haben z.B. aufgrund höherer Lohnkosten einen höheren Preis pro Tonne CO2.

4. Doppelte Anrechnung bei der Kompensation

Durch den kürzlichen Wechsel vom Kyoto Protokoll zum Pariser Klimaschutzabkommen haben sich die Rahmenbedingungen für Kompensationen geändert. Es ist nun so, dass sich Ländern, in denen die Klimaschutzprojekte durchgeführt werden, diese Emissionsminderungen selbst anrechnen können. Zuvor, unter dem Kyoto Protokoll, wurden Projekte, die in den meisten Ländern des globalen Südens durchgeführt wurden, nicht erfasst. Durch die Neureglung passiert es nun, dass sich zwei Parteien die Emissionsminderungen anrechnen lassen können – das Land, in dem das Projekt durchgeführt wird und die Personen / die Unternehmen, deren Geld in das Projekt geflossen ist. Das nennt sich dann Doppelzählung (double counting). Und es ist ziemlich ungünstig, denn keine Emissionsminderung darf zwei Mal gezählt werden.
Wie mit diesem Problem umgegangen werden soll ist nach dem Pariser Klimaschutzabkommen noch unklar, da es keine internationalen Regeln zur Vermeidung von Doppelzählungen gibt. Daran soll aber zukünftig gearbeitet werden.

ABER – und das ist ganz wichtig – wenn weder reduzieren noch vermeiden möglich ist, dann ist Kompensation richtig. Viele Klimaschutzprojekte, haben nicht nur einen guten Effekt auf das Klima, sondern auch auf Umwelt und Gesellschaft vor Ort. Ohne die Kompensationszahlungen wären diese Projekte niemals zustande gekommen.

Wichtig ist am Ende dann der kritische Blick von Kund:innen, Konsument:innen oder auch Freund:innen: Es ist relativ leicht zu erkennen, ob sich ein Unternehmen auf einer Kompensation ausruht oder ob es aktiv weiter an seinem Klimaengagement arbeitet, z.B. durch die klimafreundliche Umstellung interner Prozesse, den Wechsel auf Ökostrom, Energiesparmaßnahmen oder auch durch Umweltaktionen mit Mitarbeitenden. Auch Kosmogrün unterstützt gerne bei der Umsetzung von Maßnahmen zur CO2-Reduktion, bei der Entwicklung von firmeninternen Klimaschutzprojekten oder auch bei der Kommunikation des Klimaschutzengagements.

Auch sollten sich die Klimaschutzprojekte mit denen geworben wird, genau angeschaut werden. Diese unterliegen zumeist strengen Kriterien und Transparenzanforderungen. Das UBA hat dazu einen Ratgeber geschrieben. Ein wichtiger Standard ist z.B. The Gold Standard. Projekte, die durch den Gold Standard zertifiziert sind leisten nicht nur einen Beitrag zum Klimaschutz, indem sie CO2e reduzieren, sondern darüber hinaus noch zu mindestens einem der 17 globalen Nachhaltigkeitszielen (SDGs) beitragen. So wird nicht nur das Klima geschützt, sondern z.B. auch noch für sauberes Trinkwasser gesorgt (Ziel 6) und Geschlechtergleichheit unterstützt ( Ziel 5).

Und noch ein Reminder: Wenn wir bis die Treibhausgasminderungsziele der Bundesregierung erreichen wollen, dann dürfen wir pro Person und pro Jahr nur noch knapp 1 Tonne CO2e ausstoßen . Wojciech kann dann also nicht mehr nach Tel Aviv fliegen.

Unser verbleibendes weltweites CO2-Budget könnt ihr euch live hier auf der CO2-Uhr anschauen.

Quellen und Senken von Treibhausgasen und Aerosolen. Rote Schrift: anthropogen beeinflusste bzw. erzeugte Treibhausgase, rote Pfeile: anthropogene Quellen; blaue Pfeile: natürliche Quellen; gestrichelte Pfeile: Senken Graphic by http://www.hamburger-bildungsserver.de/index.phtml?site=themen.klima.treibhausgase

Quellen

Umweltbundesamt (2013): Kyoto-Protokoll, unter: https://www.umweltbundesamt.de/themen/klima-energie/internationale-eu-klimapolitik/kyoto-protokoll [Stand: 10.03.2022]

2Umweltbundesamt (2021): Die Treibhausgase, unter: https://www.umweltbundesamt.de/themen/klima-energie/klimaschutz-energiepolitik-in-deutschland/treibhausgas-emissionen/die-treibhausgase#undefined  [Stand: 10.03.2022]

3 Purr et. al (2013): Treibhausgasneutrales Deutschland im Jahr 2050 – Studie, unter: https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/treibhausgasneutrales-deutschland-im-jahr-2050 [Stand: 10.03.2022]

4 Kikuchi, Yasunori (2016): Life Cycle Assessment, in Plant Factory.

5 Bayerisches Landesamt für Umwelt: Treibhausgase – Entstehung und Wirkung, unter: https://www.lfu.bayern.de/klima/klimaschutz/treibhausgase/index.htm [Stand: 10.03.2022]

6 Bildungsserver wiki: Treibhausgse, unter: https://wiki.bildungsserver.de/klimawandel/index.php/Treibhausgase [Stand: 10.03.2022]

7 Informationsdienst Wissenschaft (2020): Moorwiedervernässung in Zeiten des Klimawandels, unter: https://nachrichten.idw-online.de/2020/09/07/moorwiedervernaessung-in-zeiten-des-klimawandels/  [Stand: 10.03.2022]

8 Umweltbundesamt (2018): Hohe Kosten durch unterlassenen Umweltschutz, unter: https://www.umweltbundesamt.de/presse/pressemitteilungen/hohe-kosten-durch-unterlassenen-umweltschutz [Stand: 10.03.2022]

9 Umweltbundesamt (2018): Freiwillige CO2-Kompensation durch Klimaschutzprojekte, unter: https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/freiwillige-co2-kompensation-durch [Stand: 10.03.2022]

10The Gold Standard, unter: https://www.goldstandard.org/

11 Umweltbundesamt (2014): Klimaneutral leben – Verbraucher starten durch beim Klimaschutz, unter: https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/378/publikationen/klimaneutral_leben_4.pdf [Stand: 10.03.2022]

12Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC): So schnell tickt die CO2-Uhr, unter: https://www.mcc-berlin.net/forschung/co2-budget.html [Stand: 10.03.2022]

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